26.09.2000
Märkische Allgemeine Zeitung
zum Konzert am 24.09.2000 in Rathenow, St. Marien-Andreas-Kirche

Für Ohren, Augen und Seele
SERVI verzauberte Marien-Andreas-Kirche mit Klängen, Farben, Bildern

Rathenow: Nein. Ein Konzert, wie man es kennt, war es nicht. "Was haben wir hier eigentlich erlebt?" - das mögen sich viele Besucher gefragt haben, die am Sonntag Abend bei SERVI in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche waren. Nun - sie hatten etwas erlebt, das mit bekannten Formulierungen nicht zu beschreiben ist.

Die beiden Musiker Jan Bilk und Tomas Nawka sagen dazu "Multimedia-Projekt". Und Tomas Nawka beschrieb es am Anfang so: Wäre es ein Rockkonzert, würde er dem Publikum "eine gute Stunde Spaß" wünschen. Wäre es ein Gottesdienst, würde er sagen: "Der Herr möge mit euch sein." Was nun folge, das liege irgendwo in der Mitte. SERVI verzauberte die Sankt-Marien-Andreas-Kirche dann etwa 90 Minuten mit Klängen, Farben, Projektionen und Bildern.
SERVI, das sind eben nicht nur die Musiker Bilk und Nawka, die ihren mehr als 20 Synthesizern meditative Klänge entlocken. Genauso dazu gehören 15 Technik-Spezialisten und noch einmal so viele Helfer. Diese bedienen sechs Musik- und Sprachcomputer und die 80 000-Watt-Lichtanlage, die wirklich unvergleichlich ist.
Pfarrer Wolf Schöne hatte vor dem Konzert zur Begrüßung einige Worte aus Sicht des Gastgebers, der Kirchengemeinde Sankt- Marien-Andreas gesprochen. Die neuen Fenster im Chorraum würden heute eingeweiht, sagte er. Sie seien modern gestaltet. Deshalb sei entschieden worden, sie mit einem modernen Konzert einzuweihen. Er wünschte den etwa 600 Gästen "alles Gute für die Ohren, für die Augen und für die Seele". So geschah es dann auch.

Das SERVI-Projekt war gleichzeitig der Auftakt für die Interkulturelle Woche. Unter dem Motto "Der Andere ist anders. Er ist wie Du." finden im Kreis Havelland bis zum nächsten Sonnabend zahlreiche Veranstaltungen statt. Deshalb kam vor dem Konzert Gabriele Steidl, Ausländerbeauftragte der Kreisverwaltung, zu Wort. Sie machte darauf aufmerksam, dass in der Kirche derzeit die Beiträge des Zeichen- und Kurzgeschichtenwettbewerbs "Miteinander - Leben in Deutschland" ausgestellt werden. Gabriele Steidl forderte: "Es muss für alle gelten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist."
Wie Tomas Nawka sagte, hatte SERVI sein Programm auf diesen Anlass abgestimmt. Die Künstler zeigten auf einer großen Projektionswand Fotos von Ausländern, die in Deutschland leben, allerdings illegal: Nawka stellte unter anderem eine vietnamesische Familie mit zwei Kindern vor, von der nur der Vater Bleiberecht hat. Oder den strahlenkranken Igor, der drei Monate am Reaktor in Tschernobyl aufgeräumt hat und jetzt 1200 Mark für die Operation in Russland aufbringen muss.
Das Interesse der Havelländer an SERVI war so groß, dass das erste Konzert um19 Uhr bald ausverkauft war. Wegen des Andrangs ließen die Künstler gegen 21.30 Uhr eine zweite Vorstellung folgen. Wegen der Dunkelheit kamen die Lichteffekte noch besser zu Geltung. So werden sich kurz vor Mitternacht die noch einmal 300 Besucher gefragt haben, was genau sie da erlebt hatten.
Sicher war wohl nur, wie es war: "Einfach schön."

(Autor: Bernd Geske)

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