21./22.06.1998
Märker (Nord-Brandenburg)
zum Konzert am 12.06.1998 in Wittstock/Dosse, St. Marien-Kirche anläßlich des 750jährigen Jubiläums der Stadt Wittstock

"Nachdenken ist für mich, in meine Seele zu hören"
Wittstock: Konzert des Jahres ausgerechnet in den Mauern einer Kirche

Dichtgedrängt schiebt sich zentimeterweise ein Menschenpulk in Richtung des Kirchentores: Die Wittstocker Kirche Sankt Marien hat zum Konzert geladen, und Hunderte folgten diesem Ruf.
Eine meditative Performance treibt die Wittstocker an diesem Freitag aus ihren Wohnungen. Weg vom gepolsterten Platz am geliebten Fernseher und rauf auf die harte Kirchenbank. Es scheint die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Besinnung, nach dem Vergessen der Alltagsprobleme zu sein, die rund 1.300 Dossestädter erwartungsvoll ins Gotteshaus zieht.

Dunkelheit. Ein heller Lichtkegel empfängt eine aus dem Hintergrund hervoreilende Gestalt: Tomas Nawka, gebürtiger Sorbe, sucht den Kontakt zum Publikum. Hände werden geschüttelt. Nähe symbolisiert den Zuschauern, er ist einer von uns. Nawka bildet zusammen mit seinem Freund Jan Bilk das erfolgreichste Musik-Projekt in Deutschlands Kirchen: "SERVI" dringen im neuen Programm "Meditatio in Variatione" zu unbekannten Erlebnis-Dimensionen vor.

Po-Backe an Po-Backe harren die Menschen aus und schauen gebannt auf eine verhüllte Bühne. Erste Klänge umspielen das Gehör. Lichtspielereinen erwärmen das Gemüt. Der Vorhang fällt. Bilk und Nawka stehen an ihren Instrumenten, 21 Synthesizern und sechs Sprachcomputern. Die Fahrt in unsere Seele kann beginnen.

Kuschelnd sitzen Pärchen jungverliebter auf dem Fußboden. Das Kirchengemäuer erlebt eine Metamorphose. Alles Kalte verliert sich im Zusammengehen harmonischer Musik und flutender Scheinwerfer. Grüne Spiralen fallen auf graue Säulen. Riesige Dia-Projektionen öffnen Türen in andere, verborgene Welten. Augen strahlen, Herzen lächeln. Sphärisch entwickeln sich die Melodien. "Come, Come", haucht Tomas Nawka ins Mikrophon. Die Musik schwebt gen Himmel, entwirft Wege zu vergessenen Horizonten und läßt neue Universen entstehen. Fasziniert folgen die Wittstocker dem Geschehen. Fremde Töne erklingen unter den Bewegungen eines zehnjährigen Mädchens. Carolina Eyck entlockt den elektrischen Feldern des Thereminvox unvergleichbar sinnlich-warme Stimmungen.

"Nachdenken ist für mich, in meine Seele zu hören", philosophiert Jan Bilk. Meditieren durch Licht und Musik: "SERVI" setzen Meilensteine für Performance in Kirchen.

(Autor: Pfotenhauer/api)

weitere Stimmen: | 1 | 2 | 3 |